Bahn sucht Schulterschluss mit Konkurrenten

Handelsblatt Nr. 024 vom 04.02.2010 Seite 30

04.02.2010

Unternehmen und Märkte

Der Marktführer bietet den Konkurrenten im Nahverkehr erstmals seine Zusammenarbeit an, um die ruinösen Preiskämpfe zu stoppen

Eberhard Krummheuer Frankfurt Die Deutsche Bahn reicht den ums Überleben kämpfenden kleineren Konkurrenten im Nahverkehr die Hand. "Wir müssen aus dem Stellungskrieg herauskommen und gemeinsam das Ziel verfolgen, mehr Verkehr auf die Schiene zu bekommen", sagte Frank Sennhenn, seit Frühsommer Chef der Sparte DB Regio, dem Handelsblatt. Dafür will die Konzerntochter des ehemaligen Monopolisten den bisher eher angefeindeten Konkurrenten erhebliche Zugeständnisse anbieten: Sie sollen Einblicke in die Erlöskalkulationen erhalten und bei Tarifgestaltung, Vertrieb und Werkstattnutzung kooperieren dürfen. 

Der Marktführer mit einem Anteil von knapp 80 Prozent vollzieht damit eine überraschende Kehrtwende. In dem hart umkämpften Markt geht kleineren Anbietern zunehmend die Puste aus. Verkehrsunternehmen und Gewerkschaften beobachten mit Sorge, dass der Wettbewerb um staatliche Millionenaufträge häufig nur noch über die Kostenseite entschieden wird. 
"Ein offener Umgang mit dem Wettbewerb, das ist für die Deutsche Bahn ein begrüßenswerter Kulturwandel", lobte Claudia Langowsky, Hauptgeschäftsführerin des renommierten Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). "Es gibt im Geschäft mit dem Personennahverkehr viele Formen des Geldverdienens, jenseits ruinöser Preisschlachten", ergänzt Unternehmensberaterin Maria Leenen, Chefin von SCI Verkehr. Sie denke an Kooperationen in der Instandhaltung oder auch beim Flottenmanagement oder dem Fahrzeugleasing. 


DB-Regio-Chef Sennhenn fordert ein radikales Umdenken von den Wettbewerbern, aber auch von den Verkehrsverbünden und Landeseisenbahngesellschaften, die vor Ort Zugleistungen bestellen und von den jährlich knapp sieben Mrd. Euro "Regionalisierungsmitteln" des Bundes bezahlen. Die als "Aufgabenträger" bezeichneten Besteller des Nahverkehrs seien in den 16 Jahren seit Vollendung der Bahnreform mehr und mehr dazu übergegangen, in ihren Ausschreibungen jedes Detail des Angebots verbindlich zu regeln. "Damit haben sie systematisch unternehmerische Gestaltungsmöglichkeiten unterbunden und die Wertschöpfungstiefe reduziert", sagte Sennhenn. 

In sogenannten Brutto-Verträgen würden die Verkehrsunternehmen zu "Lohnkutschern" degradiert, die Fahrgelderlöse bei den Aufgabenträgern abliefern und ein festes Salär erhielten - unabhängig vom Erfolg oder Misserfolg ihrer Verkehrsleistung. "Diese Praxis lähmt jede unternehmerische Initiative", klagt der DB-Regio-Chef. 

Mehr Kreativität bei Angeboten. 

Er fordert stattdessen von den Bestellern Netto-Verträge, bei denen aus den staatlichen Mitteln lediglich ein Teil der Verkehrsleistung bezahlt wird. Für den unternehmerischen Erfolg sei dann entscheidend, wieviel Fahrgeldeinnahmen die jeweilige Bahn verbuchen könne. Sennhenn fordert von den Bestellern dazu "funktionale Ausschreibungen", die ihnen Gestaltungsspielräume etwa bei der Zugausstattung, dem täglichen Betrieb oder den Fahrplänen lassen. "Das fördert Kreativität und Kundenorientierung." 

"Wir begrüßen die Initiative der Bahn", sagte Bernhard Wewers, Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft Schienenpersonennahverkehr (BAG-SPNV), des Zusammenschlusses der Aufgabenträger. Ob die Besteller aber tatsächlich dem Wunsch nach Netto-Verträgen in großem Umfang nachkämen, sei fraglich. Denn nicht alle Marktteilnehmer seien derzeit bereit, das unternehmerische Risiko zu tragen. 

In Branchenkreisen heißt es, die großen internationalen Kapitalgesellschaften unter den Bahnbetreibern bevorzugten in der Finanzkrise mit der problematischen Kapitalbeschaffung das sicherere Geschäft des Vertrages mit garantierten Einnahmen. "Mit dem Rating der Bundesrepublik im Hintergrund kann die Deutsche Bahn da natürlich aus einer Position der Stärke heraus argumentieren", bestätigte Wewers. 

Die Praxis der detaillierten Brutto-Verträge war in den vergangenen Jahren von den Aufgabenträgern entwickelt worden, um sämtlichen Anbietern in den Ausschreibungen die exakt gleichen Voraussetzungen bieten zu können. Da viele Strecken zum ersten Mal ausgeschrieben wurden, hatte meist nur der ehemalige Monopolist DB Regio wirtschaftliche Erkenntnisse aus dem Betrieb. Und der hatte sich bislang geweigert, sich in die Karten blicken zu lassen. 
Sennhenn will damit gründlich aufräumen. Die Bahn werde ihre Erlösdaten linienbezogen für auszuschreibende Strecken den Aufgabenträgern zur Verfügung stellen oder ihnen die Möglichkeit einräumen, eigene Untersuchungen anzustellen.  Den Wettbewerbern bietet er Zusammenarbeit an - von der einheitlichen Tarifgestaltung für Nah- und Fernverkehr über Neuregelungen der Einnahme-Aufteilungen nach dem Modell der Verkehrsverbünde bis hin zur Nutzung der Vertriebsinfrastruktur. Die Deutsche Bahn würde auch Tickets der anderen Bahnen verkaufen. 

Einheitlicher Tarifverbund. 


"Ein deutschlandweiter Tarifverbund für alle Unternehmen im Schienennahverkehr ist zwingend geboten", sagte Klaus Vorgang, Geschäftsführer beim Verkehrsverbund Rhein-Ruhr. "Jetzt müssen nur noch alle Beteiligten das auch umsetzen."  Immerhin, die Rückendeckung der Verkehrsministerkonferenz ist schon da. 

Auch von einem anderen Monopol hat sich die Bahn verabschiedet. Nachdem sie "S-Bahn", "Regionalbahn" und "Regionalexpress" bislang als ihre Marken geschützt hat, dürfen auch Wettbewerber mit Lizenzen Züge so bezeichnen. 

von Eberhard Krummheuer

Quelle: Handelsblatt 04.02.2010

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