Mit dem Zug in die ZukunftQuelle: Welt 15.06.2010 Weltweit werden Milliarden in Bahnprojekte investiert. Die Strecken sollen die Konjunktur ankurbeln und ganzen Regionen Leben einhauchen. Vor allem die USA wollen ihren Rückstand gegenüber Europa und Asien aufholen Von Nikolaus Doll und Viktoria Unterreiner Kalifornien ist pleite, so abgebrannt, dass Gouverneur Arnold Schwarzenegger bereits Lehrer und Polizisten vorübergehend in Zwangsurlaub schickt, um den Etat zu entlasten. Doch weder tiefe Haushaltslöcher noch massiver Zeitdruck können den "Terminator" davon abhalten, den Startschuss für sein Lieblingsprojekt zu geben: Schwarzenegger will Kalifornien mit einem Netz für Superschnellzüge überziehen, wie es Amerika noch nicht gesehen hat. Und weil er bereits Anfang 2011 ausscheidet, das Milliardenprojekt aber noch nicht richtig angelaufen ist, sollen ab November zwischen San Diego und Los Angeles wenigstens erste Probebahnen mit Passagieren den Betrieb aufnehmen. "Der Gouverneur gibt dem Staat einen Vorgeschmack auf ein Verkehrssystem, wie es die Europäer haben", jubelten die Medien am Wochenende. "Europäisch" bedeutet für die Kaliforniern schnell, modern, fortschrittlich. Zumindest wenn es um Eisenbahnen geht. Über Jahrzehnte waren den Amerikanern die Trassen und Personenzüge keinen Cent wert. Investiert wurde allenfalls in Güterbahnen. Aber nun überbieten sich US-Politiker mit ehrgeizigen Bahnprojekten und folgen damit einen weltweiten Trend. Überall entstehen neuen, teure Hightech-Netze, investieren die Regierungen Milliarden in Schienensysteme. "Man kann von einer wahren Renaissance der Eisenbahn sprechen", sagt Jörn F. Sens, der bei Siemens das gesamte Geschäft mit Schienenfahrzeugen leitet. "Die Nachfrage steigt. Wir registrieren das in Deutschland, vor allem aber in Asien, speziell in China, und in den USA." Von Nostalgie ist bei den aufwendigen Projekten wenig zu spüren, selbst in den USA nicht, jenem Land, das an den Schienensträngen von Ost nach West groß geworden ist. Es geht darum, dem Verkehrskollaps in den Metropolen etwas entgegen zu setzen, die Pendler von den übervollen Highways zu holen. Es geht darum, die Innenstädte mit guten Nahverkehrssystemen wieder lebenswert zu machen, die Verödung zu stoppen und um ambitionierte Umweltziele. Der eigentliche Antrieb aber, dass die Politik ausgerechnet jetzt Unsummen für die Bahnen locker macht, sind handfeste wirtschaftliche Interessen, in den USA ebenso wie im Nahen Osten oder in China. Die sündhaft teuren Bahnprojekte sollen die Konjunktur ankurbeln und ganzen Regionen Leben einhauchen. In den USA erhofft man sich vom Bahnboom ein kleines Jobwunder. Dort, wo man über Jahre die Staatsbahn Amtrak vor sich hin dümpeln ließ, liefern sich derzeit Gouverneur Schwarzenegger und US-Präsident Barack Obama einen Wettlauf um die schienenfreundlichste Politik. Allen Sparzwängen zum Trotz hat Präsident Obama ein Programm zum Ausbau der Bahnen aufgelegt, wie noch keiner seiner Vorgänger. Insgesamt 13 Mrd. Dollar (rund zehn Mrd. Euro) will er dafür bereitstellen. Acht Milliarden Dollar stammen aus dem Konjunkturpaket, und über die kommenden fünf Jahre sollen weitere fünf Milliarden Dollar fließen. "Es gibt keinen Grund, warum Europa oder China die schnellsten Züge haben sollen, wenn wir sie auch hier in Amerika haben können", sagte Obama, als er das Projekt in Florida vorstellte. Zwischen den wichtigsten Großstädten sollen 13 Verbindungen entstehen, auf denen die Züge künftig im Hochgeschwindigkeitstempo pendeln. Ein Drittel der Mittel geht an die Industrieregion Illinois, um unter anderem die Strecke zwischen Chicago und dem südlich gelegenen St. Louis auszubauen. Florida erhält 1,25 Milliarden Dollar, um damit die Fahrt zwischen Tampa und Orlando zu beschleunigen. Dort soll der Zug künftig bis zu 160 Meilen pro Stunde schnell sein und die Passagiere in 45 Minuten zum Ziel bringen. Mit dem Auto dauert es derzeit etwa doppelt so lang. Kalifornien hat eines der anspruchsvollsten Ziele. Dort soll mit 2,3 Mrd. Dollar die Gegend von Sacramento und San Francisco mit den südlich gelegenen Städten San Diego und Los Angeles verbunden werden. "Von einer Wiedergeburt der modernen Eisenbahn kann in den USA eigentlich nicht die Rede sein", sagt Maria Leenen, geschäftsführende Gesellschafterin des auf Schienensysteme spezialisierten Beratungsunternehmens SCI. "Die Amerikaner sind bei Thema Bahn vor hundert Jahren stehen geblieben. Die USA sind das einzige Industrieland, in dem es keine Hochgeschwindigkeitsverkehre gibt." In Japan fahren die Superschnellzüge seit einem halben Jahrhundert, in Europa zogen als erstes die Franzosen nach. Inzwischen pendeln Highspeedzüge in Russland und China, immer mehr Länder folgen und stampfen inzwischen komplette Schienensysteme aus dem Boden. Das Emirat Katar am Persischen Golf lässt von der Deutschen Bahn ein Bahnsystem für Schnellzüge, Güterwagen und Metros entwickeln. Auftragsvolumen: 17 Milliarden Euro. Brasilien will die Infrastruktur des Landes mit Milliardeninvestitionen für die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 fit machen. Über 40 Milliarden Euro sollen in den Ausbau von Flughäfen, Bahn, Stadien, Telekom und Sicherheit fließen, Vorzeigeprojekt ist dabei die 512 Kilometer lange Hochgeschwindigkeits-Strecke von Rio über Sao Paulo nach Campinas. Und selbst Länder mit deutlich bescheideneren Mitteln haben große Ziele: So will Marokko noch in diesem Jahr mit den Arbeiten an einer Strecke für Superschnellzüge zwischen Tanger und Casablanca beginnen und 2,5 Milliarden Euro investieren. Die Summen nehmen sich bescheiden aus, neben dem, was sich Bahn-Nationen wie Frankreich oder Deutschland ihren Schienenverkehr kosten lassen. Deutschland zum Beispiel pumpt jedes Jahr 2,5 Milliarden Euro in seine Trassen - nur in den Erhalt wohlgemerkt, der Ausbau wird gesondert finanziert. Und den Regionalverkehr finanziert der Bund jährlich mit rund sieben Milliarden Euro. Dennoch, was die Wachstumszahlen im Schienenmarkt angeht, sind die USA derzeit die Nummer eins und liegen sogar vor China. Dabei hat die Volksrepublik erst vor wenigen Wochen sein neues mehr als 6000 Kilometer langes Hochgeschwindigkeitsnetz in Betrieb genommen und will dieses um weitere 4600 Kilometer ausbauen. Rang eins der Bahnländer dennoch dahin. "Dank des Schienengüterverkehrs sind die USA bereits der umsatzstärkste nationale Bahnmarkt weltweit. Allerdings war dieser Markt bisher für die europäischen und japanischen Bahnzulieferer aufgrund seiner niedrigeren Technologieanforderungen nur mäßig attraktiv", sagt SCI-Chefin Leenen. "Das ändert sich jetzt deutlich: Investiert wird nun in modernste Infrastruktur- und Fahrzeugtechnik." Laut einer Studie von SCI, die der WELT exklusiv, vorliegt, folgen den USA und China als derzeit wachstumsstärkste Bahnmärkte Russland, Deutschland und Frankreich. In den USA erhofft man sich mit den Bahnprojekten nicht nur bessere und saubere Verkehrssysteme, sondern einen kräftigen Schub für die Konjunktur - vor allem neue Jobs. Mit guten Aussichten, wie eine Studie von Siemens, die der WELT vorliegt, zeigt. "Der geplante Ausbau des Schienennetzes mit Hochgeschwindigkeitszügen könnte allein in den Regionen Los Angeles, Chicago, Orlando und Albany bis zu 145 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Die dort ansässige Wirtschaft könnte dadurch insgesamt bis zu 19 Milliarden US-Dollar mehr Umsatz pro Jahr erzielen", hießt es in der Untersuchung der Bostoner Institut Economic Development Research Group (EDR) im Auftrag des Münchner Konzerns. Nach Angaben der EDR sind zum ersten Mal für einzelne US-Städte und ihre Randgebiete präzise Berechnungen über die die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen des Investitionsprogramms für Bahnverkehr verfügbar. Demnach könnten im Zuge der Bauarbeiten und des späteren Bahnbetriebs im Großraum Los Angeles bis zu 55 000 neue Arbeitsplätze entstehen und ein zusätzlicher Umsatz von bis zu 7,6 Mrd. Dollar pro Jahr erzielt werden. Für Chicago ergäbe sich ein Plus an 42 000 Arbeitsplätzen sowie bis zu 6,1 Mrd. Dollar. In Orlando sieht die Studie bis zu 27 500 neue Jobs und 2,9 Mrd. Dollar zusätzlichen Umsatz. Und für Albany liegen die Erwartungen bei bis zu 21 000 neuen Jobs und bis zu 2,5 Mrd. US-Dollar zusätzlichem Umsatzvolumen pro Jahr. "Der Streckenausbau ist teuer. Aber an den Trassen entstehen Industrien und neue Lebensräume, so wie zu Zeiten der Industrialisierung", sagt Siemensmanager Sens. Aus dem Konjunkturprogramm von US-Präsident Obama erhofft sich Sens "ein großes Stück für Siemens". Immerhin produziere der Konzern bereits in den Staaten und werde mit der Deutschen Bahn (DB), als Team auftreten, das "schlüsselfertige Systeme" anbiete. Doch die US-Regierung schaut sich weltweit nach Partnern um. Vor einem Monat war US-Verkehrsminister Ray LaHood nach Japan gejettet, um dort die Magnetschwebebahn Maglev zu testen. "Sehr schnell" sei die Probefahrt gewesen, sagte Ray LaHood trocken - und ziemlich beeindruckt. |
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