Bahn-Deal schafft neue Konkurrenz im Nahverkehr

Handelsblatt 22.04.2010

Von Holger Alich und Eberhard Krummheuer

22.04.2010

Die von der Deutschen Bahn angestrebte Übernahme des britischen Verkehrskonzerns Arriva wird den Markt von Bussen und Bahnen in Deutschland stark verändern. Auf der deutschen Schiene stärkt die Bahn ungewollt Mitbewerber wie die französische SNCF. Denn das Kartellamt wird die DB zwingen, Strecken im Nahverkehr abzugeben.

PARIS/DÜSSELDORF. Bahn-Chef Rüdiger Grube holt sich möglicherweise gewichtige Konkurrenten aus dem In- und Ausland in den bislang vom bundeseigenen Konzern dominierten Heimatmarkt. Denn falls der Deal nach der Abgabe des verbindlichen Angebots in den nächsten Wochen zustande kommen sollte, muss die Bahn das gesamte Schienenverkehrsgeschäft der Arriva Deutschland aus kartellrechtlichen Gründen veräußern, erklärte Grube am Donnerstag. Die Marke Arriva werde auch im Busverkehr aus Deutschland verschwinden.

Der in zwölf europäischen Ländern mit Bus- und Bahnleistungen präsente, an der Londoner Börse notierte Konzern machte im vergangenen Jahr 3,15 Mrd. Pfund (3,6 Mrd. Euro) Umsatz mit 42 000 Mitarbeitern. In Deutschland ist Arriva auf der Schiene von der Nordsee bis zum Bodensee präsent, unter anderem mit vollständig übernommenen Regionalbahnen wie der Vogtlandbahn und der Regentalbahn. Die Bahn machte am Donnerstag ein Übernahmeangebot über umgerechnet 1,8 Mrd. Euro zuzüglich der Übernahme von rund 1,2 Mrd. Euro Schulden.

Benex unter den Interessenten

Den Deal anzustreben sei "strategisch eine absolut richtige Entscheidung", sagte Maria Leenen, Geschäftsführerin der Beratungsfirma SCI-Verkehr. Dass es sinnvoll sei, die Europäisierung zu betreiben, zeige sich im Güterverkehr. Dort sei der Bahn-Konzern heute mit Abstand die Nummer eins.

Neben dem Rivalen und Nachbarn SNCF, der bereits mit seiner Beteiligung Kéolis ("Eurobahn") zu den größeren Wettbewerbern zählt, kann sich die Verkehrsbranche außer weiteren europäischen Playern auch internationale Interessenten, etwa den Hongkonger U-Bahn-Betreiber MTR, vorstellen. Bislang tauchen im deutschen Markt neben dem Ex-Monopolisten nur kleinere Player auf, mit kaum fünf Prozent Marktanteil. Falls die Deutsche Bahn die deutschen Arriva-Anteile verkaufen muss, sei das die Chance für den Markt, einen "zweiten richtig großen Player zu etablieren", sagte Leenen. Das müsse keiner der heutigen Player sein, interessierte Investoren gebe es allemal.

Wie sich der Markt entwickelt, hänge stark davon ab, ob die Bahn im Falle der Übernahme Arriva komplett oder die einzelnen regionalen Unternehmen verkaufe - und an wen nicht, erklärte Verkehrsexperte Dieter Schneiderbauer von Booz. "So oder so, die Karten werden neu gemischt." Möglicherweise löse der Deal auch eine europäische Konsolidierung des Markts aus. Zu denen, die an Arriva-Teilen interessiert sind, gehört auch die deutsche Nahverkehrsholding Benex. Die mehrheitlich der Hamburger Hochbahn - dem größten deutschen Nahverkehrsunternehmen nach der Deutschen Bahn - gehörende Gruppe ist mit Arriva eng verbunden. Denn Benex betreibt Teile ihres Schienennahverkehrs, etwa in der Ostdeutschen Eisenbahngesellschaft (Odeg) oder beim Nahverkehrsnetz Metronom in Hamburg und Niedersachsen, mit Arriva als Partner. "Wir arbeiten gut zusammen und würden das auch gerne weiter machen", sagte Benex-Geschäftsführer Wolfgang Dirksen.

Ob die Hochbahn-Tochter sich um die Arriva-Beteiligungen bemühen würde, wollte Hochbahn-Chef Günther Elste nicht kommentieren. Benex sei aber nach den letzten gewonnenen Ausschreibungen auf dem Weg zum zweitstärksten Anbieter hinter DB Regio. Ab 2011 werde das Unternehmen 40 Mio. Zugkilometer pro Jahr leisten. Angestrebt sei, bis Mitte des Jahrzehnts auf 60 Mio. Zugkilometer zu kommen. Das entspräche dann einem Zehntel des Marktvolumens. In diesem und im nächsten Jahr übernimmt das Hamburger Unternehmen in Bayern zwei größere Netze des Schienennahverkehrs.

Benex war 2007 als "Expansionsholding" der Hamburger Hochbahn gegründet worden, um den Unternehmen den Einstieg in den Nahverkehrsmarkt über die Stadtgrenzen hinaus zu ermöglichen. Als Investor und Partner steht hinter dem Unternehmen der in London notierte Fonds INPP (International Public Partnerships). Eine breit gestreute Aktionärsstruktur - darunter Versicherungen und Pensionsfonds - sicherten das langfristige Engagement im Nahverkehr und ermögliche solide Finanzierungen, betonte Elste. "Das Thema Kreditklemme kommt bei uns nicht vor", bestätigte Dirksen.

Für mögliche Abspaltungen von Arriva Deutschland könnte sich auch Kéolis interessieren, erfuhr das Handelsblatt aus SNCF-Kreisen. Ein neues Angebot für den Arriva-Konzern werde es aber nicht geben. Die französische Staatsbahn hatte einen Kauf Arrivas geprüft, die Diskussionen aber Anfang März beendet und der Deutschen Bahn den Weg frei gemacht. Kéolis ist an Zukäufen interessiert. Pro Jahr will das Unternehmen eine Übernahme im Ausland angehen, teilte die SNCF-Tochter Mitte März im Zuge der Veröffentlichung der Jahreszahlen mit. Kéolis verfolge die Neuordnung des Bahnsektors "sehr aufmerksam", hieß es.

Auch Véolia Transport wird sich nach Angaben eines Sprechers Verkaufsoptionen im Zuge der Arriva-Übernahme anschauen. "Grundsätzlich werden wir Opportunitäten prüfen. Derzeit liegt der Fokus aber auf organischem Wachstum", erklärte das Unternehmen.

 

Quelle: Hansdelsblatt

 

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